Pressespiegel
Einige Medienberichte über den Protest und die Folgen. Einen umfangreicheren Pressespiegel aus der Zeit des Gipfels gibt es bei DEM Pressespiegel zum G8 Gipfel 2007 unter
Badespasz.
Badespasz.
05. Juni 2008
Märkische Allgemeine: G 8 - Das war der Gipfel
Ein Jahr nach Heiligendamm haben fast alle ihren Frieden mit dem Polit-Spektakel an der Ostsee gemacht
Gipfel-Idylle: Die G 8-Regierungschefs im berühmten Strandkorb. Der wurde für mehr als eine Million Euro versteigert.
Es begann gleich mit einem Fauxpas. Hoteldirektor Martin Kolb ließ es sich nicht nehmen, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso als ersten Gast höchst selbst in seine Suite zu geleiten. Doch weil glücklicherweise auch großen Chefs mitunter kleine Fehler unterlaufen, drückte er im Lift den Knopf des falschen Stockwerks und stand mit dem Obereuropäer und dessen Gattin unversehens in völlig falschen Gemächern. „Jedem anderen hätte ich den Kopf abgerissen", sagt Kolb heute lachend in seiner munteren schweizer Diktion. „So aber habe ich es gleich allen Mitarbeitern erzählt und die Anspannung vor dem Eintreffen der anderen Staats- und Regierungschefs gebrochen."
Die Vorbereitungsmonate vor dem Gipfel, erinnert sich der Chef vom Kempinski Grand Hotel in Heiligendamm, waren Stress pur, die drei Tage vom 6. bis 9. Juni 2007 dagegen ein einziges Festspiel. „Da konnten wir zeigen, was wir können. Und es war eine sehr entspannte, lockere Atmosphäre." Schließlich blieben die Sicherheitsleute außen vor und ließen den Gipfel-Insassen im Innersten der Hotel-Anlage die Illusion von Freiheit. Heute erinnert in Heiligendamm nichts mehr an das Weltereignis vor einem Jahr. Wer nachfragt, bekommt die Zimmer gezeigt, in denen Merkel, Bush oder Putin gewohnt haben, „aber wir wollten hier keinen Pilgerort einrichten", sagt Kolb. Die Erinnerungen an die deutsche G 8-Präsidentschaft werden für die weiße Edel-Herberge an der Ostsee zudem durch glänzende Zahlen versüßt. Nach fünf defizitären Jahren hat das Kempinski 2007 mit einer „schwarzen Null" abgeschlossen und wird in diesem Jahr wohl erstmals einen ordentlichen Gewinn ausweisen. „Die Auslastung ist von 42 Prozent auf heute 60 Prozent gestiegen", freut sich Kolb. Und eine weltweite Werbe- und Imagekampagne wie die Berichterstattung über den G 8-Gipfel mit all den sonnigen Bildern und Berichten hätte das Hotel sich auch nie leisten können.
„Es war eine aufregende Zeit vor einem Jahr", sagt Bad Doberans Bürgermeister Hartmut Polzien, der auch für Heiligendamm zuständig ist und ebenfalls eine positive Gipfelbilanz für die Region zieht. „Wir hatten einen Monat Einschränkungen, dafür haben wir aber Investitionen in die Infrastruktur bekommen, die bleiben werden." Den fein ausgebauten Zubringer zu Küstenautobahn A 20 meint er damit und etliche andere Förderprogramme.
Die meisten Verfahren abgeschlossen - der Alltag ist zurück an der Küste
Stadt und Region sind bekannter geworden und freuen sich über sechs Prozent mehr Übernachtungen seit dem Gipfel.
Weit weniger gesprächig ist dagegen Frank Neumann von der Firma MZS-Zaunbau aus Bargeshagen. Sie hatte damals die martialische Sicherheitsbarriere aus Zaunfeldern und Beton-Blöcken geliefert, deren Kosten auf etwa zwölf Millionen Euro geschätzt wurden. Dem Vernehmen nach hat MZS den anti-protestierischen Schutzwall inzwischen nahezu komplett weiterverkauft, nur bestätigen will Neumann das halt nicht. „Es ist schon so viel Falsches geschrieben worden." Das könne er ja jetzt richtigstellen: kein Kommentar.
Wer heute durch die Wälder um Heiligendamm streift oder über die Felder Richtung Kühlungsborn wandert, findet kaum noch Spuren der einstigen Hochsicherheitszone. Mit dem Zaun sind ganze Wege verschwunden, wo jetzt Raps und Wintergerste friedlich gegen den Seewind demonstrieren. Was damals war, ist mit der rasend rotierenden Gipfelmaschinerie untergegangen.
Dieser unerschütterliche Gleichmut des Alltags ist überhaupt das Verblüffendste, wenn man als Gipfel-Beobachter ein Jahr später wieder nach Heiligendamm zurückkehrt. Wer den Ausnahmezustand damals erlebt hat, die polizei-militärische Allgegenwart, die Absperrungen, Kontrollen und seltsam verwunschenen Fahrten mit der Molly-Bahn schließlich ins Innere der „verbotenen Zone", kommt sich vor wie ein Heimkehrer aus einer anderen Galaxis. Wo damals in Kühlungsborn das internationale Pressezentrum brummte, hetzte, wo Reportagen in Telefone geschrien und Expertisen in Kameras aufgesagt wurden, bauen sie jetzt ein Hotel. Der Rest ist kurzhosiges Flanieren auf der Strandpormenade.
16 000 Uniformierte lagen vor einem Jahr rund um Heiligendamm in Stellung. An der Kreuzung gleich hinter Bad Doberan verteidigten sie mit Helm und Schild die Sicherheitszone gegen in klassischer Zangen-Aufstellung durch den Raps vordringende Protestierer. Für die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern ist all das inzwischen weitgehend erledigt. Bis auf zwei Bundesländer, die damals Sicherheitskräfte zum Gipfel entsandten, haben alle inzwischen ihre Rechnungen geschickt und Geld aus dem 78,5-Millionen-Euro-Topf bekommen, den Schwerin mit Hilfe des Bundes (22,5 Millionen Euro) bereitgestellt hatte. Vielleicht, sagt Vize-Regierungssprecher Matthias Crone, bleibt sogar noch etwas übrig.
Auch die Bilanz der Staatsanwaltschaft fällt deutlich besser aus als erwartet: Von den 1450 Ermittlungsverfahren sind inzwischen 1404 abgearbeitet, 46 sind noch anhängig. Insgesamt ergingen 83 rechtskräftige Urteile. Das man zunächst Schlimmeres erwartet hatte, lag vor allem an der großen Demonstration vor dem Gipfel am 2. Juni 2007, als sich rund 3000 gewaltbereite Randalierer unter die etwa 40 000 friedlichen Teilnehmer gemischt hatten.
„Inhaltlich haben wir allerdings nicht viel bewirkt", gibt Monty Schädel freimütig zu, der damals von Rostock aus das große Anti-G 8-Bündnis koordinierte. „An Armut, Kriegen und der Reichtumsverteilung hat sich auf der Welt nichts geändert", sagt der Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft. Sein „Block-G 8-Büro" nahe der Rostocker Universität liegt heute leer und verlassen und wird vom BUND genutzt. „Aber", so fügt er hinzu, „wir haben in der außerparlamentarischen Szene - Antifa, Umweltgruppen, Friedensaktivisten und viele andere - gelernt, dass wir gut zusammenarbeiten können und auch jenseits der Parteien handlungsfähig sind. Für künftige Aktionen ist das sehr wichtig." Von morgen an treffen sich etliche der Akteure zum „Heiligendamm +1"-Gipfel wieder in Rostock.
Kempinski-Chef Martin Kolb in Heiligendamm wird das diesmal nicht stören. Vom Gipfel ist das Wellen-Signet auf Visitenkarten und Briefbögen als Werbebotschaft geblieben. Der Rest sind sonnige Erinnerungen. Zum Beispiel daran, wie die russische Delegation mit einem Koffer voller Bargeld am Ende ihre Zimmer bezahlt hat...
(Von Ralf Schuler)
Mehr Informationen:
http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11224102/492531/Ein_Jahr_nach_Heiligendamm_haben_fast
Gipfel-Idylle: Die G 8-Regierungschefs im berühmten Strandkorb. Der wurde für mehr als eine Million Euro versteigert.
Es begann gleich mit einem Fauxpas. Hoteldirektor Martin Kolb ließ es sich nicht nehmen, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso als ersten Gast höchst selbst in seine Suite zu geleiten. Doch weil glücklicherweise auch großen Chefs mitunter kleine Fehler unterlaufen, drückte er im Lift den Knopf des falschen Stockwerks und stand mit dem Obereuropäer und dessen Gattin unversehens in völlig falschen Gemächern. „Jedem anderen hätte ich den Kopf abgerissen", sagt Kolb heute lachend in seiner munteren schweizer Diktion. „So aber habe ich es gleich allen Mitarbeitern erzählt und die Anspannung vor dem Eintreffen der anderen Staats- und Regierungschefs gebrochen."
Die Vorbereitungsmonate vor dem Gipfel, erinnert sich der Chef vom Kempinski Grand Hotel in Heiligendamm, waren Stress pur, die drei Tage vom 6. bis 9. Juni 2007 dagegen ein einziges Festspiel. „Da konnten wir zeigen, was wir können. Und es war eine sehr entspannte, lockere Atmosphäre." Schließlich blieben die Sicherheitsleute außen vor und ließen den Gipfel-Insassen im Innersten der Hotel-Anlage die Illusion von Freiheit. Heute erinnert in Heiligendamm nichts mehr an das Weltereignis vor einem Jahr. Wer nachfragt, bekommt die Zimmer gezeigt, in denen Merkel, Bush oder Putin gewohnt haben, „aber wir wollten hier keinen Pilgerort einrichten", sagt Kolb. Die Erinnerungen an die deutsche G 8-Präsidentschaft werden für die weiße Edel-Herberge an der Ostsee zudem durch glänzende Zahlen versüßt. Nach fünf defizitären Jahren hat das Kempinski 2007 mit einer „schwarzen Null" abgeschlossen und wird in diesem Jahr wohl erstmals einen ordentlichen Gewinn ausweisen. „Die Auslastung ist von 42 Prozent auf heute 60 Prozent gestiegen", freut sich Kolb. Und eine weltweite Werbe- und Imagekampagne wie die Berichterstattung über den G 8-Gipfel mit all den sonnigen Bildern und Berichten hätte das Hotel sich auch nie leisten können.
„Es war eine aufregende Zeit vor einem Jahr", sagt Bad Doberans Bürgermeister Hartmut Polzien, der auch für Heiligendamm zuständig ist und ebenfalls eine positive Gipfelbilanz für die Region zieht. „Wir hatten einen Monat Einschränkungen, dafür haben wir aber Investitionen in die Infrastruktur bekommen, die bleiben werden." Den fein ausgebauten Zubringer zu Küstenautobahn A 20 meint er damit und etliche andere Förderprogramme.
Die meisten Verfahren abgeschlossen - der Alltag ist zurück an der Küste
Stadt und Region sind bekannter geworden und freuen sich über sechs Prozent mehr Übernachtungen seit dem Gipfel.
Weit weniger gesprächig ist dagegen Frank Neumann von der Firma MZS-Zaunbau aus Bargeshagen. Sie hatte damals die martialische Sicherheitsbarriere aus Zaunfeldern und Beton-Blöcken geliefert, deren Kosten auf etwa zwölf Millionen Euro geschätzt wurden. Dem Vernehmen nach hat MZS den anti-protestierischen Schutzwall inzwischen nahezu komplett weiterverkauft, nur bestätigen will Neumann das halt nicht. „Es ist schon so viel Falsches geschrieben worden." Das könne er ja jetzt richtigstellen: kein Kommentar.
Wer heute durch die Wälder um Heiligendamm streift oder über die Felder Richtung Kühlungsborn wandert, findet kaum noch Spuren der einstigen Hochsicherheitszone. Mit dem Zaun sind ganze Wege verschwunden, wo jetzt Raps und Wintergerste friedlich gegen den Seewind demonstrieren. Was damals war, ist mit der rasend rotierenden Gipfelmaschinerie untergegangen.
Dieser unerschütterliche Gleichmut des Alltags ist überhaupt das Verblüffendste, wenn man als Gipfel-Beobachter ein Jahr später wieder nach Heiligendamm zurückkehrt. Wer den Ausnahmezustand damals erlebt hat, die polizei-militärische Allgegenwart, die Absperrungen, Kontrollen und seltsam verwunschenen Fahrten mit der Molly-Bahn schließlich ins Innere der „verbotenen Zone", kommt sich vor wie ein Heimkehrer aus einer anderen Galaxis. Wo damals in Kühlungsborn das internationale Pressezentrum brummte, hetzte, wo Reportagen in Telefone geschrien und Expertisen in Kameras aufgesagt wurden, bauen sie jetzt ein Hotel. Der Rest ist kurzhosiges Flanieren auf der Strandpormenade.
16 000 Uniformierte lagen vor einem Jahr rund um Heiligendamm in Stellung. An der Kreuzung gleich hinter Bad Doberan verteidigten sie mit Helm und Schild die Sicherheitszone gegen in klassischer Zangen-Aufstellung durch den Raps vordringende Protestierer. Für die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern ist all das inzwischen weitgehend erledigt. Bis auf zwei Bundesländer, die damals Sicherheitskräfte zum Gipfel entsandten, haben alle inzwischen ihre Rechnungen geschickt und Geld aus dem 78,5-Millionen-Euro-Topf bekommen, den Schwerin mit Hilfe des Bundes (22,5 Millionen Euro) bereitgestellt hatte. Vielleicht, sagt Vize-Regierungssprecher Matthias Crone, bleibt sogar noch etwas übrig.
Auch die Bilanz der Staatsanwaltschaft fällt deutlich besser aus als erwartet: Von den 1450 Ermittlungsverfahren sind inzwischen 1404 abgearbeitet, 46 sind noch anhängig. Insgesamt ergingen 83 rechtskräftige Urteile. Das man zunächst Schlimmeres erwartet hatte, lag vor allem an der großen Demonstration vor dem Gipfel am 2. Juni 2007, als sich rund 3000 gewaltbereite Randalierer unter die etwa 40 000 friedlichen Teilnehmer gemischt hatten.
„Inhaltlich haben wir allerdings nicht viel bewirkt", gibt Monty Schädel freimütig zu, der damals von Rostock aus das große Anti-G 8-Bündnis koordinierte. „An Armut, Kriegen und der Reichtumsverteilung hat sich auf der Welt nichts geändert", sagt der Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft. Sein „Block-G 8-Büro" nahe der Rostocker Universität liegt heute leer und verlassen und wird vom BUND genutzt. „Aber", so fügt er hinzu, „wir haben in der außerparlamentarischen Szene - Antifa, Umweltgruppen, Friedensaktivisten und viele andere - gelernt, dass wir gut zusammenarbeiten können und auch jenseits der Parteien handlungsfähig sind. Für künftige Aktionen ist das sehr wichtig." Von morgen an treffen sich etliche der Akteure zum „Heiligendamm +1"-Gipfel wieder in Rostock.
Kempinski-Chef Martin Kolb in Heiligendamm wird das diesmal nicht stören. Vom Gipfel ist das Wellen-Signet auf Visitenkarten und Briefbögen als Werbebotschaft geblieben. Der Rest sind sonnige Erinnerungen. Zum Beispiel daran, wie die russische Delegation mit einem Koffer voller Bargeld am Ende ihre Zimmer bezahlt hat...
(Von Ralf Schuler)
Mehr Informationen:
http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11224102/492531/Ein_Jahr_nach_Heiligendamm_haben_fast






