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Pressespiegel
Einige Medienberichte über den Protest und die Folgen. Einen umfangreicheren Pressespiegel aus der Zeit des Gipfels gibt es bei DEM Pressespiegel zum G8 Gipfel 2007 unter linkBadespasz.
07. Juni 2007
Tagesspiegel: Ein Zaun und seine GästeSie trennen – und gleichzeitig ziehen sie an:
die Gitter von Heiligendamm und die Menschen davor und dahinter

Von Frank Jansen und Axel Vornbäumen

ROSTOCK/HEILIGENDAMM - Kniehoch steht der Sommerweizen am Zaun von Hinter Bollhagen. Sanft wellen sich die Felder Richtung Heiligendamm. Gut zwei Kilometer sind es von hier aus noch zu dem klassizistischen Villenensemble, in das sich die Mächtigen dieser Welt drei Tage lang einquartiert haben. Ein kleines Wäldchen am Ende der Weizenfelder verstellt den Blick, den man von Hinter Bollhagen auf Heiligendamm werfen kann. Und doch – wer nicht berufsbedingt mit George W. Bush zu tun hat, etwa weil er Bodyguard ist, Journalist, Polizist, Angela Merkel oder Wladimir Putin, der ist in diesen G-8-Gipfeltagen dem US-Präsidenten nirgendwo anders so nah wie just hier.

So nah – und doch so fern. Hinter Bollhagen, ein paar Häuser nur an unbefestigten Wegen, sonst ein Idyll von herbem Charme, ist eine Zwischenwelt. Seit Tagen nun schon ist man eingeklemmt zwischen Schutzzaun und Polizeisperren; ein seltsamer Puffer ist das, Erinnerung daran, dass es da noch etwas anderes geben muss als den Kampf um Bilder und Symbole, die Sehnsucht nach Utopia hie und das ermüdende Ringen um Klimaschutzziele oder Afrikahilfe da – nennen wir es: das normale Leben im Jetzt.

Das normale Leben im Jetzt tritt an diesem Morgen in Person von Christel Pulgam auf, rote Jogginghose, einen kleinen Mischlingshund an der Leine. Als im vergangenen November bei Kaufland in Rostock, wo Christel Pulgam in der Warenannahme arbeitet, die Urlaubsplanung gemacht wurde, hat sie sich für die erste Juniwoche eintragen lassen. Das war mindestens mal so weitsichtig wie der großzügig bemessene Einkauf von Butter, Wurst und Fleisch, weil es äußerst mühsam ist, in diesen Tagen die Zwischenwelt von Hinter Bollhagen zu verlassen. Es ist ja alles dicht. Nach allen Seiten. Christel Pulgam kann nun abwarten, einigermaßen gelassen, bis Bush wieder weg ist und Putin und Merkel und auch die Protestclowns, die es an diesem Nachmittag tatsächlich schaffen, einen gelben Luftballon an den Zaun zu knoten, was strenggenommen verboten ist, andererseits aber auch wieder so tragisch nicht, als dass man es polizeilicherseits nicht hätte zulassen können, schon wegen der allenthalben deeskalierenden Wirkung.

Wenn also Bush wieder weg ist, Putin und Merkel auch, der Luftballon und irgendwann der ganze Zaun, dann wird sich am Leben von Christel Pulgam nichts verändert haben, außer dass der Urlaub dann vorbei und der Weg zur Warenannahme bei Kaufland in Rostock wieder frei ist. Man kann vielleicht so sagen: Ausgerechnet an dieser Nahtstelle des verbissenen Kampfes zweier Welten um ein verträgliches globales Miteinander wird sich so schnell nichts ändern – und wer die groteske Eigendynamik miterlebt, die Weltwirtschaftsgipfel mittlerweile angenommen haben, der wird das nicht anders als sympathisch finden können.

Von Hinter Bollhagen sind es ein paar Kilometer nur bis Reddlich, einem kleinen Nest, in dem sie in den Nachwendejahren mit ihren Hoffnungen auf den Wirtschaftsaufschwung zu forsch waren und das Gewerbegebiet eine Spur zu großzügig angelegt haben. So ist viel Platz frei geblieben auf den 16 Hektar, genug jedenfalls, um einige Tausend Globalisierungsgegner in diesen Gipfeltagen beherbergen zu können. Es hat eine Einwohnerversammlung gegeben, die Mehrheit hat zugestimmt, und so hat man sich einen Hauch von Woodstock ein paar Gipfeltage lang an die Ostsee geholt. Irgendwo zwischen den Zelten sitzt an diesem Abend Otto Camper aus Köln. Es ist nicht ganz klar, ob Otto tatsächlich Otto heißt und wirklich aus Köln ist, Camper heißt er aber auf gar keinen Fall – alle, die abgestellt sind, Auskunft zu geben, nennen sich Camper.

Der Mann, der sich Otto Camper nennt, hat eine sanfte Stimme. Eine Feierabendstimmung hat sich über das Zeltlager gelegt. Das Wetter hat mitgespielt, es war, wenn man so will, ein Tag zum Pole schmelzen lassen. Im Camp haben sie gerade beschlossen, in den kommenden Tagen keinen Alkohol auszuschenken – doch bis auf den schon aus Hygienegründen notwendigen Spüldienst und die Sichtkontrollen am Eingang des Zeltlagers ist dies so ziemlich das einzige Regelwerk, das Camper anführen muss. Viel freier geht es wirklich nicht mehr. Es ist eine Art Übermorgenland hier auf dem umfunktionierten Gewerbegebiet und ein bisschen Urlaub, sagt Camper, sei es für ihn auch, nur dass er, anders als Christel Pulgam in Hinter Bollhagen, nicht will, dass danach alles bleibt, wie es ist, sondern dass sich die Dinge ändern.

Von Reddlich aus sind sie losgezogen, am Mittwoch und am Donnerstag, zu den großen Blockadeaktionen rings um Heiligendamm, in freiem Willen, natürlich, aber gut koordiniert war es dann doch. In Kleingruppen sind sie ausgeschwärmt, vorbei an den Polizeisperren durch die Felder gestiefelt, nur schwer aufzuhalten, auch durch einzeln um sich spritzende Wasserwerfer nicht – immer Richtung „Zaun des Bösen“ sind sie gegangen, der mit seiner Länge von zwölf Kilometern ja nicht nur weiträumigen Schutz bietet, sondern allemal auch eine dankbare Ausdehnung hat, um ihn irgendwann und irgendwo symbolisch zu erreichen. „Natürlich absurd“, sagt ein Polizist, sei die Annahme, jederzeit einen Durchbruch an den Zaun verhindern zu können. Die „technische Sperre“, sie ist ein Teil des Spiels – und selbst Otto Camper schluckt einen Moment bei der Frage, ob der Zaun die ganze Chose nicht irgendwie übersichtlicher und, ja, auch einfacher für die Protestierer macht. Heiligendamm ohne Zaun? Camper kratzt sich am Kinn, bis sein Gedankenkonstrukt einigermaßen stabil ist. „Die G 8“, sagt Camper, „würden zeigen, dass sie sich trauen, das Echo für ihre Politik auszuhalten.“

Kurz vor Nienhagen, fast schon in Sichtweite von Heiligendamm, haben Blockierer eine halb nackte Menschenkette quer über die Fahrbahn gebildet. Auf jedem Rücken war ein Buchstabe gemalt, zusammen ergaben sie „FÜR EINE BESSERE WELT“. Ein 20-Jähriger trägt ein gelbes T-Shirt, auf dem das Muschellogo des Öl-Konzerns Shell zum Totenkopf verfremdet ist. Darunter steht „HELL“. Zu Hause in Göttingen kümmert sich der junge Pflegehelfer um schwerstbehinderte Kinder. Was ihn antreibt, wie viele andere der jungen Gipfelgegner, ist ein Mix aus Idealismus, Hartnäckigkeit – und Misstrauen. Seinen Namen will er „den Medien“ nicht nennen. Warum? „Die Medien sind in gewisser Weise Staatspropaganda. Da wird einem die Meinung vorgekaut. Aber ich bin hier, weil ich sage, dass ich nichts Vorgekautes geschluckt habe und versuche, meine eigenen Ideen zu produzieren.“ Wie er redet, und wie er dasteht, mit dem T-Shirt und dem Nietengürtel und den nackten Füßen, verkörpert er fast schon idealtypisch die Generation der G-8-Gegner. Er sagt, „ich habe die Hoffnung, dass der Gipfel abgebrochen wird und verlegt werden muss“. Ist das nicht ein wenig naiv? „Na ja, wichtiger noch ist, dass das Auge der Welt auf uns gerichtet ist und unser Anliegen rüberbringt.“

Im Rostocker Stadthafen sitzt Monty Schädel von der Deutschen Friedensgesellschaft, und man sieht ihm an, dass er immer noch daran knabbert, das Echo für die aus dem Ruder gelaufenen Proteste vom vergangenen Samstag auszuhalten. Ein paar Hundert Meter weiter, Richtung Innenstadt, in der Marienkirche hat die Gebetskette begonnen, die bis zu diesem Freitag, 18 Uhr, nicht mehr abreißen soll. Hinter Schädel liegt die Stubnik, ein mächtiges Schiff, in dessen mächtigem Bauch der G-8-Gegengipfel stattfindet. Dort müht sich zu dieser Stunde gerade die Grünen-Chefin Claudia Roth, eine humane Migrationspolitik zu erklären, was mäßig gelingt, weil ein kritischer Teil des Auditoriums immer noch nicht das Ja der Grünen zum Kosovo-Krieg verziehen hat. Auf der Ostsee machen Greenpeaceboote am Donnerstagmorgen für eine gute halbe Stunde viel Wellen. Bei einer Kontrolle schlagen Sprengstoffdetektoren an – es war aber dann nichts anderes als Spezialleim für Bilderrahmen. Ja, es ist viel los auf der nach oben offenen Absurditätsskala.

Aber Schädel hat immer noch die Trainingsjacke mit dem „Shalom“ auf der Brust an, mit der er am Wochenende im Fernsehen wieder und wieder hat erklären müssen, was schiefgelaufen ist mit den gewaltbereiten Vermummten, die sich in den friedlichen Massen versteckt hatten – und irgendwie ist diese Jacke der Code dafür, dass diese Protestbewegung in diesen Gipfeltagen auch in einer merkwürdigen Art von Geiselnahme gefangen gehalten wird durch den schwarzen Block.

Monty Schädel jedenfalls wirkt sichtlich angespannt. Er hatte sich im Auto eine schöne Antwort auf die Frage zurechtgelegt, was er, wenn er denn die Gelegenheit dazu hätte, mit den G-8-Regierungschefs gerne mal besprechen würde – aber nun will ihm seine Antwort partout nicht mehr einfallen, und Schädel sagt nur müde: „Was soll ich mit denen reden?“

Die Gräben sind tief zwischen den Welten, und dort, wo tatsächlich ein paar dünne Planken zur Kontaktaufnahme gelegt worden sind, zeigt sich, dass bis auf Weiteres die angepeilte „eine Welt“ wohl nicht möglich ist. In Rostock sitzen an diesem Donnerstag zur Mittagsstunde die Frontmänner des engagierten Rock auf dem Podium, Bono, Bob Geldof und Herbert Grönemeyer. Es hat im Vorfeld zum Gipfel schon Theater gegeben, weil aus dem Kanzleramt ein vertrauliches Papier durchgestochen wurde, dem im Wesentlichen zu entnehmen ist, dass Angela Merkel aus Imagegründen sehr an einem vernünftigen Verhältnis zu den weltbewegten Rockstars liegt, gerne auch unter Zusage von viel Geld für Afrika. Aber ganz so einfach ist das nicht mit dem Verhältnis von Nähe und Distanz. „So viel Nähe zu Politikern“, sagt Bono im Musikpavillon von Rostock, „nimmt einem die Schärfe.“ Der U2-Musiker, der nach eigener Aussage auch den Teufel umarmen würde, „wenn es der Sache dient“, gewinnt der starren Haltung von Grönemeyer zunehmend Respekt ab: „Herbert Grönemeyer weigert sich, mit Politikern zu sprechen, irgendwie überzeugt mich seine Haltung mehr als meine eigene.“

Zehntausende sind dann am Abend beim Konzert „Deine Stimme gegen die Armut“. Monty Schädel nennt es ein „niederschwelliges Angebot“ – das Einbinden all derer in die Protestbewegung der Globalisierungskritiker, die auf Anhieb nicht den aktuellen Schuldenstand von Burkina Faso parat haben, denen das Politgehabe in Heiligendamm aber trotzdem suspekt ist. Auch die Rockröhre Jule Neigel, die am Mittwochabend ein reichlich spontanes Konzert im Stadthafen gibt, gehört zu Schädels „niederschwelligem Angebot“. Neigel ist mit dem „Nightliner“ aus Mannheim angereist und hat noch Schatten unter den Augen, was sicherlich auch daher rührt, dass sie bis fünf Uhr morgens an der Hotelbar gesessen hat, wo sie schließlich gemerkt hat, dass „das ganze Hotel voll Amis ist. Das Weiße Haus hat das fast komplett gebucht, das muss man sich mal vorstellen.“

Es war eine Zeit lang ruhig geworden um Jule Neigel, aber jetzt ist sie so überzeugungsfest zurück wie eh und je. „Treffen wie die in Heiligendamm“, sagt die Sängerin, „dienen doch nur dazu, dass die Mächtigen immer mächtiger werden.“ Oh ja, sagt Neigel, sie wäre wirklich gerne mal jenseits des Zaunes, bei Merkel, bei Bush, bei Putin, um Klartext zu reden.

Was würden Sie denen denn sagen, Frau Neigel? „Na, dass die Politik in den letzten zwei Jahrzehnten immer willkürlicher geworden ist.“

Mehr Informationen: linkhttp://www.tagesspiegel.de/zeitung/Die-Dritte-Seite-G-8-Gipfel-Heiligendamm;art705,2317088